Anlässlich des Global Tiger Day am 29. Juli 2020 zieht die Initiative TX2 Bilanz: Zehn Jahre nach dem Start der Kampagne steigen die Tiger-Zahlen in fünf der 13 beteiligten Länder. Es zeigt sich, dass die Menschen vom Tigerschutz direkt profitieren, denn wer Tiger schützen will, braucht gesunde Wälder. Und gesunde Wälder versorgen die Menschen vor Ort mit frischem Wasser und sauberer Luft. Die Initiative zeigt auch, dass Tigerschutz ohne die Unterstützung der lokalen Bevölkerung nicht möglich ist und dass Wilderei und Fragmentierung des Lebensraums nach wie vor Bedrohungen sind, die es zu bekämpfen gilt.

Im Laufe des 21. Jahrhunderts haben Menschen den Tiger an den Rand der Ausrottung gebracht. Bis zum Jahr 2010. Dieses Jahr markierte einen historischen Wendepunkt. Mit der Initiative „TX2“ entschieden 13 Länder, in denen Tiger beheimatet sind oder waren, die beeindruckende Großkatze vor dem Abgrund zu retten. Das Ziel: ihre Zahl bis 2022 zu verdoppeln und ihre Zukunft in freier Wildbahn zu sichern. Zusammen mit den Regierungen der 13 Länder und anderen Organisationen entwickelte der WWF eine Vision für den Tigerschutz.

Großartige Erfolge in fünf Ländern

Diese Vision trägt jetzt Früchte: In Bhutan, China, Indien, Nepal und Russland steigt die Zahl der Tiere. „Diese Länder sind bei der Erholung der Tigerzahlen führend. Die Ergebnisse sprechen für sich“, erklärt Stuart Chapman, Leiter der Tigers Alive Initiative des WWF.

„Nach einem historischen Tiefstand im Jahr 2010 kehren die Tiger endlich in weiten Teilen Südasiens, Russlands und Chinas zurück und feiern ein bemerkenswertes Comeback. Eine gute Nachricht auch für die anderen bedrohten Arten, mit denen sie ihren Lebensraum teilen – und auch für die Millionen von Menschen, die von diesen Ökosystemen abhängig sind“, freut sich Stuart Chapman.

„Diese bemerkenswerten Erfolge zu halten und auf ihnen aufzubauen, ist der Schlüssel für die Zukunft des Lebens mit Tigern in einer vom Menschen dominierten Landschaft.“

Indien – kein Tigerschutz ohne die lokale Bevölkerung

Tigermutter und ihr Junges im Ranthambore National Park © Nitish Madan / WWF International
Tigermutter und ihr Junges im Ranthambore National Park © Nitish Madan / WWF International

Besonders in Indien entwickelte sich die Tigerpopulation gut: Von 2006 bis 2018 hat sich die Zahl der Tiger in freier Wildbahn mehr als verdoppelt – etwa drei Viertel der weltweiten Tigerpopulation lebt dort. Hier konnten Tiger in einer dicht besiedelten Landschaft überleben und wichtige Ökosysteme gesichert werden.

Der Lebensraum der Tiger überschneidet sich mit dem der Menschen – deshalb sind die Gemeinden das Herz des Tigerschutzes. Die lokale Bevölkerung ist auf Brennholz und andere Rohstoffe aus den Wäldern angewiesen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Umso wichtiger ist es, alternative Einkommensquellen zu finden, die die Lebensgrundlage der Gemeinschaft sichern und so die Wälder und damit den Lebensraum der Tiger schützen.

Ein Beispiel dafür ist die Initative „Hameri“. In sechs Dörfern sichert das von Frauen geführte Projekt die Existenzgrundlage der Gemeinschaften und hilft, langfristig Unterstützung für den Tigerschutz zu erhalten. Das Projekt fördert das traditionelle Wissen der Landfrauen – sie gründen nachhaltige Unternehmen und verkaufen traditionell hergestellte Nahrungsmittel wie Essiggurken, Säfte und Marmeladen.

Bhutan – Tigerschutz für gesunde Wälder

Tiger in der Kamerafalle in Bhutan © Emmanuel Rondeau / WWF UK
Tiger in der Kamerafalle in Bhutan © Emmanuel Rondeau / WWF UK

Im Königlichen Manas-Nationalpark in Bhutan hat sich die Tigerpopulation von 2010 bis 2018 mehr als verdoppelt. Die Standards im Tigerschutz in Bhutan sind hoch. Ugyen Tshering ist Nationalparkmanager des Jomotshangkha Wildlife Sanctuary und erklärt, warum Tigerschutz auch für die Menschen, die in der Region leben, so wichtig ist:

"Wenn wir Tiger schützen wollen, müssen wir ein großes Gebiet mit gesundem Wald erhalten. Ein gesunder Wald bedeutet, dass wir saubere Luft und sauberes Wasser haben. Wenn wir einen gesunden Wald haben, dann sind wir auch vor Erdrutschen und Erosion geschützt", sagte Ugyen Tshering. "Das ist wichtig, denn Bhutan liegt in einem empfindlichen Ökosystem, in dem Erdrutsche und Erosion sehr häufig vorkommen", so Ugyen Tshering. Wenn wir gesunde Wälder haben, können wir Naturkatastrophen verhindern".

China – Tiger brauchen Korridore

Im Jahr 2010 gab es in China nicht mehr als 20 wild lebende Tiger, die meisten von ihnen kamen über die Grenze zu Russland nach China. 2014 dann ein Meilenstein: Kamerafallen-Aufnahmen zeigten eine Tigerin mit Jungtieren im Jilin-Wangqing-Naturreservat – die Tiger waren dauerhaft zurück in China und pflanzten sich auch dort fort.

Doch da Wilderei und Abholzung weiterhin eine Bedrohung darstellen, spielen die Ranger eine entscheidende Rolle beim Schutz der Lebensräume der Tiger. Eine Besonderheit ist ein rein weibliches Ranger-Team, das für das Dongning Forestry Bureau in der nördlichsten Region des Landes patrouilliert. Nicht nur die Feldarbeit ist wichtig für den Tigerschutz, auch der Kontakt zur Bevölkerung. Die Frauen besuchen lokale Märkte und stehen in engem Kontakt mit den Gemeinden. Sie hören sich ihre Sorgen und Nöte an und suchen Lösungen, insbesondere wenn es um Konflikte mit Wildtieren geht. Die Rangerinnen sensibilisieren die Bevölkerung dafür, Tiger und andere Wildtiere der Region vor Wilderei zu schützen.

Ein weiteres Erfolgsbeispiel aus China: Die Geschichte eines einsamen männlichen Tigers namens Hu Wa zeigt genau, warum es so wichtig ist, Tigern Bewegungsfreiheit zu ermöglichen. Dieses acht Jahre alte Männchen ist das einzige bekannte Individuum im Huangnihe-Naturreservat. Auf seiner verzweifelten Suche nach einer Partnerin ist er weit gewandert, wurde sogar nahe der Großstadt Jilin gesichtet. Doch menschliche Siedlungen verhinderten, dass weibliche Tiger aus Waldgebieten bis zu ihm gelangen. Der WWF China fordert deshalb, Korridore zu schaffen, die die Lebensräume der Tiger und anderer Wildtiere miteinander verbinden.

So schwer es für Chinas Tigerpopulation ist, die chinesische Regierung hat ein großes Ziel. China hat sich unter anderem dazu verpflichtet, die Ausdehnung seiner Schutzgebiete zu erhöhen, einschließlich der Schaffung des neuen Amur-Tiger- und Leoparden-Nationalparks, der 14.600 Quadratkilometer umfasst, eine Fläche, die 60 Prozent größer ist als der Yellowstone-Nationalpark in den USA.

Nepal – Citizen Scientists für den Tigerschutz

Bardia National Park Nepal © Emmanuel Rondeau / WWF UK
Bardia National Park Nepal © Emmanuel Rondeau / WWF UK

Auch in Nepal hat sich die Tigerpopulation bis 2018 fast verdoppelt. Besonders wichtig für den Tigerschutz in Nepal ist die Arbeit mit so genannten Citizen Scientists. Das sind Menschen aus der Bevölkerung, die den WWF beim Schutz der Tiger unterstützen, indem sie unter anderem Daten von Kamerafallen auswerten. Naresh Tharu ist ein solcher Citizen Scientist und arbeitet seit fünf Jahren für den WWF in Nepal. Er kennt die Randgebiete des Bardia-Nationalparks in und auswendig und hat miterlebt, wie sich die Wälder in einen reicheren, lebensfähigeren Lebensraum für Tiger verwandeln.

„Als ich das erste Mal das Bild eines Tigers auf einer Kamerafallen-Aufnahme gesehen habe war das etwas, das ich nie vergessen werde. Ohne die Tiger hätte ich nicht die Möglichkeit gehabt, in diesem Bereich zu arbeiten oder diese Dinge zu erleben. Ich wäre heute ein ganz anderer Mensch“, erzählt Naresh.

„Jetzt, wo die Wälder gedeihen, gedeihen auch die Tiere. Die Schönheit der Natur zieht Touristen aus der ganzen Welt an. Bardia hat sich zu einem touristischen Zentrum entwickelt und damit viele neue wirtschaftliche Möglichkeiten für die Einheimischen geschaffen.“

Ohne die Unterstützung von Menschen wie Naresh und die der Gemeinden, die in und um die Lebensräume der Tiger leben, hätte Nepal keinen so durchschlagenden Erfolg bei der Erholung seiner einst fragilen Tigerpopulation gehabt. Wie Naresh betont, liegt die Zukunft des Tigerschutzes hier stark in einem Ansatz, der sicherstellt, dass die Menschen von den Bemühungen zum Schutz der Tiger und ihrer Lebensräume profitieren.

Erfolge feiern, Bedrohungen bekämpfen

Neben all den Erfolgen dürfen wir nicht vergessen, dass Tiger nach wie vor bedroht sind. Wilderei und Lebensraumverlust machen ihnen zu schaffen. Besonders in Zeiten von Corona. In Nepal und auch andernorts auf der Welt führten Ausgangssperren dazu, dass Wilderer sich unbemerkt Zugang zu Schutzgebieten verschafften. Auch der Tourismus als alternative Einkommensquelle kam vollständig zum Erliegen.

In Bhutan werden Wilderei und zunehmende Viehzucht zum Bedrängnis für die Tiger. „Mein Traum ist es, dass Tiger und Gemeinschaften in Harmonie leben“, sagt Ugyen Tshering aus Bhutan, doch er räumt ein, dass eine gewaltige Aufgabe vor ihm liegt. Mit einer wachsenden Tigerpopulation in Jomotshangkha „könnte die Toleranz der Menschen gegenüber Tigern in naher Zukunft auf die Probe gestellt werden.“

„Wir müssen Einkommensmöglichkeiten schaffen und die Gemeinden unterstützen, damit sie sich selbst versorgen können. Wenn die Bauern wirtschaftlich vom Tigerschutz profitieren, wenn sie aus der Armut befreit werden und eine gut etablierte wirtschaftliche Basis haben, werden sie uns helfen, Tiger zu schützen.“

Auch in Südostasien ist die Lage der Tiere weiter problematisch. Die Schlingfallen-Krise, die der WWF in einer aktuellen Studie analysiert hat, dezimiert die Zahl der Großkatzen weiter. In Vietnam und Kambodscha sind die Tiger bereits seit Langem ausgestorben.

Auszeichnung für den Tigerschutz

Bengal-Tiger in der indischen Steppe © naturepl.com / Andy Rouse / WWF
Bengal-Tiger in der indischen Steppe © naturepl.com / Andy Rouse / WWF

Um den Erfolg im Tigerschutz der vergangenen zehn und auch der kommenden Jahre zu würdigen, hat die Initiative TX2 einen Preis ins Leben gerufen. Die Auszeichnung für Exzellenten Tigerschutz (Tiger Conservation Excellence Award) wird am 23. November, dem Tag des zehnjährigen Jubiläums der TX2-Initiative, zusammen mit dem WWF und anderen Organisationen an die Regionen gehen, die einen signifikanten Fortschritt im Tigerschutz gemacht haben. 

„Da wir uns dem Jahr 2022 nähern, ist es an der Zeit, die Orte und Menschen zu würdigen, die zu einem der ehrgeizigsten Erhaltungsziele beitragen, das je für eine einzelne Art erreicht wurde. Dies ist eine Leistung, die nicht nur die Zukunft der Tiger in freier Wildbahn sichert, sondern auch die Ökosysteme, von denen Wildtiere und Menschen abhängen“, sagte Stuart Chapman, Leiter der Tigers Alive Initiative des WWF. Zudem schützen uns gesunde Wälder auch vor dem Ausbruch vor Krankheiten/Pandemien, die von Wildtieren auf den Menschen überspringen.

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