WWF Artenlexikon

Granatbarsch (Hoplostethus atlanticus)

Lebensraum Tiefe, kalte Gewässer der gemäßigten Breiten, in 180 bis 1.800 Meter Tiefe
Geografische Verbreitung   Im Nordatlantik kommen sie im gesamten europäischen Becken südlich der Island-Färöer-Shetland-Schwelle entlang des europäischen Kontinentalschelfes vor, außerdem an den großen Bänken, Seebergen und Spitzen des Mittelatlantischen Rückens. Außer im Nordatlantik gibt es Populationen im Südatlantik vor Namibia, im Indischen Ozean vor Südostafrika sowie im Pazifik südlich von Australien und rund um Neuseeland, außerdem in der Nähe von Seebergen im Indischen, Pazifischen und Atlantischen Ozean.
Gefährdungsstatus Nicht gelistet.
Bestandsgröße Zurückgehend.
Granatbarsch. © Ian Hudson / WWF-Canon
Granatbarsch. © Ian Hudson / WWF-Canon

Der Methusalem der Meere

Wie die meisten Speisefische hat auch der zur Ordnung der Schleimkopfartigen gehörende Granatbarsch mehrere mehr oder weniger wohlklingende Namen, die seine Vermarktung fördern sollen. „Granatbarsch“ ist jedoch der offizielle deutsche Name, „Orange Roughy“ der weltweit am weitesten verbreitete englische Name.

Die Einführung des Marktnamens „Orange Roughy“ verschaffte dem nahezu geschmacklosen Fisch mit dem festen, gut filetierbaren Fleisch, welches keine Omega-3-Fettsäuren wie andere Fische enthält, den Durchbruch vor allem auf dem amerikanischen Markt. Er wird heute beispielsweise auch in der Proteindiät von Bodybuildern eingesetzt.

In der lichtlosen Tiefsee wirkt die orange-rote Hautfarbe der Granatbarsche als Tarnung. Im Durchschnitt werden sie 100 Jahre alt und sind echte „Spätzünder“: Sie erreichen ihre erste Geschlechtsreife erst mit etwa 28 Jahren, dafür können sie sich dann aber bis zu mehr als 100 Jahre fortpflanzen.

Nach 1945 wuchsen die Fischereiflotten und -kapazitäten stetig und die Fischbestände auf den Kontinentalschelfen und in den Randmeeren nahmen deutlich ab. Daher wurde immer küstenferner und tiefer im Meer gefischt, Hinzu kam, dass bis 1977 nahezu der gesamte Ozean für jegliche Fischerei unreguliert zur Verfügung stand. Erst danach wurden die 200 Seemeilen breiten „Ausschließlichen Wirtschaftszonen“ der Küstenstaaten auf der Basis des neuen Seerechts eingerichtet, in denen die Fischerei reguliert wird. Daher galt und gilt bis heute jenseits der 200 Seemeilen-Zone um die Küsten das Prinzip: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“.

Hinzu kommt, dass der Granatbarsch gezielt an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten bei Laichversammlungen gefischt wird. Eine solche Fischerei führt dazu, dass die Fortpflanzungsfähigkeit der Population erheblich gemindert wird. Wegen der langsamen Wachstumsrate und der späten Geschlechtsreife kann die Befischung dieser Tiefseeart nicht nachhaltig sein, sondern führt zu einer schnellen Vernichtung der Bestände.

Doch nicht allein der Granatbarschbestand wird durch rücksichtslose Fischerei vernichtet. Auch die ebenso langlebigen wie empfindlichen Lebensräume der Kontinentalhänge, Seeberge und Bänke mit ihren Riffen aus Kaltwasserkorallen und Schwämmen sowie Tausenden noch unbekannten Arten werden durch brutale Fischereimethoden, wie zum Beispiel mit Bodenschleppnetzen, zerstört. Auch der WWF hat dazu beigetragen, dass die UN-Generalversammlung 2006 eine verbindliche Resolution zu nachhaltiger Fischerei in internationalen Gewässern verabschiedet hat. Sie ruft alle Vertragsstaaten dazu auf, die dauerhafte Beschädigung von Vorkommen so genannter „verwundbarer“ Lebensräume (wie zum Beispiel Kaltwasserkorallen) und Arten (wie etwa den Granatbarsch) in internationalen Gewässern zu vermeiden. Dieser Resolution sind bis heute eine erhebliche Zahl von Gebietsverboten für Boden berührende Fischerei zu verdanken. De facto gibt es aber noch riesige Areale im Pazifischen und Indischen Ozean, in denen weiter legal, illegal und unkontrolliert gefischt werden kann.

Der WWF setzt sich seit vielen Jahren für den Schutz der Tiefsee ein, sowohl mit Blick auf empfindliche und gefährdete Lebensräume als auch in Bezug zu den sich schnell und weitgehend unkontrolliert entwickelnden Tiefseefischereien. Dabei sind auch die Verbraucher gefragt: Je weniger Tiefseefisch konsumiert wird, desto weniger lohnt sich auch der gefahrvolle und kostspielige Fang von Jahrzehnte altem Fisch aus großer Tiefe. Und je weniger gefischt wird, desto besser sind auch andere Teile der marinen Ökosysteme vor vom Menschen gemachten Veränderungen geschützt: Der Markt hat Macht, und damit Sie!

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