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Stand: 03.05.2018

WWF-Artenlexikon

Amur-Leopard (Panthera pardus orientalis)

Lebensraum Berg- und Mischwälder der gemäßigten Zone Nordostasiens bevorzugt artenreiche submontane Mischwälder aus Nadel- und Laubhölzern wie Mandschurische Tanne, Korea-Kiefer und Mongolische Eiche
Geografische Verbreitung In Russland im äußersten Südwesten der Provinz Primorje und in China in der gegenüberliegenden Grenzregion in den Provinzen Jilin und Heilongjiang im Südosten des Landes
Gefährdungsstatus Amur-Leoparden sind laut Roter Liste der Weltnaturschutzunion IUCN „vom Aussterben bedroht“
Bestandsgröße Aktuell zählt der Gesamtbestand über 100 Amur-Leoparden, davon leben allein 103 Amur-Leoparden im Leopardovy Nationalpark in Russland, dem Hauptverbreitungsgebiet der Amur-Leoparden.

Seltener Einzelgänger

Amur-Leoparden sind die seltensten Leoparden weltweit. Ihr Verbreitungsgebiet, die winterkalten und schneereichen Regionen in Nordostasien, teilen sie sich mit Amur-Tigern, die größer und stärker sind als sie. Bei Kämpfen unter diesen Nahrungskonkurrenten sind Leoparden unterlegen und können sich nur schützen, wenn sie sich auf einen Baum retten.

Amur-Leoparden kommen heute nur noch in ca. zwei bis drei Prozent ihres historischen Verbreitungsgebietes vor. Gründe dafür sind vor allem die Wilderei sowohl auf die Leoparden selbst als auch auf ihre Beutetiere, unkontrollierter Holzeinschlag, Waldbrände, die Umwandlung von Amur-Leopardenlebensraum in landwirtschaftlich genutzte Flächen sowie Bergbau. In einigen Regionen des historischen Verbreitungsgebietes, aus denen Amur-Leoparden wegen mangelnder Beutetiere verschwunden sind, besteht theoretisch die Chance der Wiederbesiedlung, nachdem sich die dortigen Beutetierbestände erholt haben.

Amur-Leoparden gehören nicht nur zu den seltensten Katzenarten, sondern auch zu den seltensten Säugetieren der Welt. Der Großteil des Gesamtbestandes lebt im Leopardovy-Nationalpark in Russland. Bei der letzten umfassenden Zählung im Jahr 2018 wurden dort 103 Amur-Leoparden gefunden. Außerhalb des Leopardovy Nationalparks gibt es einige wenige weitere Amur-Leoparden. Insgesamt ist der Gesamtbestand immer noch klein, aber schon deutlich größer als noch vor einigen Jahren.

Systematische Einordnung

Der Amur-Leopard (Panthera pardus orientalis) ist eine Unterart des Leoparden. Leoparden gehören zur Ordnung der Raubtiere, zur Familie der Katzen, zur Unterfamilie der Großkatzen und ebenso wie der Tiger, der Löwe, der Jaguar und der Schneeleopard zur Gattung der Pantherkatzen. Neben dem Amur-Leopard werden bei den Leoparden heute weitere acht Unterarten unterschieden: Afrikanischer Leopard (P. p. pardus), Arabischer Leopard (P. p. nimr), Chinesischer Leopard (P. p. japonensis), Indischer Leopard (P. p. fusca), Indochinesischer Leopard (P. p. delacouri), Java-Leopard (P. p. melas), Persischer Leopard (P. p. tulliana) und Sri-Lanka-Leopard (P. p. kotiya).

Merkmale

Amur-Leoparden gehören zu den kleineren Leoparden. Die Männchen sind größer und kräftiger als die Weibchen. Die Kopfrumpflänge beträgt bis zu 1,36 Meter, die Schulterhöhe bis zu 78 Zentimeter und die Schwanzlänge bis zu 90 Zentimeter. Männliche Amur-Leoparden wiegen etwa 32 bis 48 Kilogramm und die Weibchen 25 bis 43 Kilogramm.

Amur-Leoparden besitzen ebenso wie die anderen Leopardenunterarten einen geschmeidigen, lang gestreckten, muskulösen Körper, einen großen, runden Kopf, mächtige Muskelpakete am Nacken und an den Schultern, muskulöse Beine mit breiten Pfoten und einen langen Schwanz. Der robuste Schädel bietet viel Fläche für den Ansatz der kräftigen Kiefermuskulatur. Die langen, spitzen Eckzähne eignen sich zum Fangen und Töten der Beute. Im Maulwinkel bilden die Reißzähne eine Art Schere zum Abschneiden von Fleisch. Mit der rauen Zunge können sie Fleisch vom Knochen abschaben.

Leoparden zählen zu den Zehengängern. Unter den Pfoten befinden sich dicke, stoßdämpfende Sohlenpolster, mit denen sie weich auftreten und sich lautlos fortbewegen können. Jede Pfote ist mit vier messerscharfen, hakenartigen, im Ruhezustand eingezogenen Krallen ausgestattet. Die Leoparden in der Amur-Region haben, vermutlich als Anpassung an das Laufen in tiefem Schnee, längere Beine als ihre Artgenossen.

Amur-Leoparden können ebenso wie die anderen Leoparden hervorragend gut sehen. Im Hintergrund ihrer Augen befindet sich eine reflektierende Membran. An diesem sogenannten Tapetum lucidum wird das einfallende Licht gespiegelt und zurückgestrahlt. So passiert es die Netzhaut ein zweites Mal. Die doppelte Lichtverwertung trägt dazu bei, dass Leoparden nachts relativ gut sehen können. Die extrem empfindlichen Tasthaare am Maul, an den Backen und über den Augen sind bei Leoparden besonders lang, helfen beim Abtasten der Umgebung und erleichtern die Orientierung bei Dunkelheit.

Das Fell der Amur-Leoparden gilt als besonders schön. Die unregelmäßigen Rosetten am Rücken und an den Körperseiten entstehen durch schwarze Ringe aus Tupfen, die einen gegen die Grundfarbe etwas verdunkelten Hof umschließen. Sie sind bei Amur-Leoparden besonders groß, stehen weit auseinander und haben dicke Ränder. Der Kopf, der Hals, die Schultern, der Bauch, die Beine und der Schwanz sind schwarz gefleckt. Das Fell der Amur-Leoparden hat im Sommer eine gelb-rötliche Grundfarbe. Im Winter ist es zur Tarnung in der verschneiten Umgebung heller. An der Brust, am Bauch und an den Beininnenseiten ist das Fell fast weiß. Dabei hat jeder Leopard eine einzigartige Musterung. Die Haare des Sommerfells der Amur-Leoparden sind etwa 2,5 Zentimeter lang. Das Winterfell ist hingegen bis zu sieben Zentimeter lang, dicht und weich.

Unter den Katzen zählen Leoparden zu den geschicktesten Kletterern. Die seitlich verlagerten Schulterblätter und die langen, hakenartigen Krallen unterstützen das Erklimmen von Bäumen und steilen Felsen. Leoparden können im Unterschied zu den meisten anderen Katzen sogar kopfüber abwärts klettern. Sie können enorm gut springen und sind gute Schwimmer.

Lebensweise

Wie alle Leoparden sind Amur-Leoparden Einzelgänger und leben größtenteils in festen Revieren. Die Reviere der Männchen sind größer als die der Weibchen. Sie werden streng gegen andere Männchen verteidigt und umfassen mehrere Reviere von Weibchen. Die Reviermarkierung erfolgt mit Urin, Kratzspuren und Kopf- und Körperreiben. Das Brüllen der Leoparden ertönt vor allem nachts und in den frühen Morgenstunden. Männchen und Weibchen ohne Reviere streifen auf der Suche nach einem Revier umher. Beim Durchqueren eines besetzten Reviers kann es zu ernsthaften Kämpfen zwischen gleichgeschlechtlichen Leoparden kommen, während gelegentliche Begegnungen von benachbarten Leoparden zumeist friedlich verlaufen. Wenn ein Männchen mit Revier verstirbt, kann es bei der Neubesetzung seines Territoriums ebenfalls zu schweren Kämpfen kommen. Wenn sich ein neuer Revierbesitzer durchgesetzt hat, zeigt sich in der darauffolgenden Zeit, ob er das Territorium halten kann. Es kann einige Zeit dauern bis wieder Stabilität einkehrt. Die Reviergröße von weiblichen Amur-Leoparden beträgt 50 bis 80 Quadratkilometer, die der Männchen bis zu 280 Quadratkilometer.

Amur-Leoparden sind wie die meisten Leoparden nachtaktiv. Auf der Suche nach Nahrung legen sie täglich weite Strecken zurück. Dabei sind Wildwechsel im Winter wichtige Orientierungshilfen. Wenn es davon wenige gibt, haben es vor allem junge Amur-Leoparden und Weibchen mit Nachwuchs schwer sich zu orientieren.

Bei Leoparden kommen Männchen und Weibchen nur zur Paarung zusammen und verbringen dann wenige Tage miteinander. Zudem bilden Weibchen mit ihren Jungtieren über viele Monate feste Kleingruppen. Zu den friedlichen sozialen Interaktionen der Leoparden gehören das sogenannte Greeting und das Grooming. Beim Greeting reiben die Leoparden ihre Köpfe und Körper aneinander, beim Grooming lecken sie sich gegenseitig die Gesichter und das Fell.

Amur-Leoparden koexistieren mit Amur-Tigern, die größer und stärker sind und mit denen sich ihr Nahrungsspektrum überschneidet. Dadurch kommt es zu Nahrungskonkurrenz und Intoleranz. Zur Reduzierung der interspezifischen Konkurrenz werden Leoparden immer wieder von Tigern angegriffen und getötet. Leoparden können sich nur schützen, wenn sie sich auf einen Baum retten. Tiger können nämlich nicht gut klettern. Außerdem haben die beiden Raubkatzenarten in der Amur-Region unterschiedliche Jagdgewohnheiten entwickelt. Amur-Leoparden jagen vor allem in den Gipfelregionen der Berge, Amur-Tiger bevorzugen hingegen die hügelige Landschaft der Vorberge sowie Galeriewälder entlang von Flüssen für die Jagd.

Fortpflanzung

Leoparden werden etwa mit zwei bis drei Jahren geschlechtsreif. Männliche Leoparden fangen etwa mit zwei bis drei Jahren an, sich fortzupflanzen. Weibchen werden dann im Alter von ca. drei Jahren zum ersten Mal trächtig. Die paarungsbereite Zeit der Weibchen wird Rolligkeit genannt. Rollige Weibchen suchen mit Duftmarken und Gebrüll nach einem Geschlechtspartner - meistens dem Männchen, mit dem ihre Reviere überlappen. Wenn sich ein Männchen und ein Weibchen gefunden haben, verbringen sie ein bis zwei Tage zusammen und paaren sich in dieser Zeit immer wieder. Für den Geschlechtsakt legt sich das Weibchen auf den Bauch und das Männchen steigt über ihren Rücken. Die Kopulation endet oft aggressiv und damit, dass das Männchen dem Weibchen in den Nacken beißt und das Weibchen aufspringt und sich wehrt. Die Empfängnisrate beträgt bei Leoparden insgesamt etwa 50 bis 67 Prozent.

Die Tragzeit dauert bei Amur-Leoparden ungefähr 12 Wochen. In der Amur-Region finden die Geburten im Frühling statt. An einem versteckten Ort bringt das Weibchen ein bis vier Junge zur Welt. Die Leopardenkinder werden blind und nackt geboren und wiegen etwa 500 bis 600 Gramm. In den ersten Lebenstagen bleibt die Mutter fast die ganze Zeit bei ihrem Nachwuchs. Nach ein paar Tagen geht sie wieder regelmäßig auf die Jagd und lässt ihre Jungen im Versteck zurück. Wenn die Jungen ein paar Monate alt sind, können sie schon einige Tage allein bleiben. Gelegentlich zieht das Weibchen ihre Jungen in ein neues Versteck um. Für den Transport beißt sie den Kleinen vorsichtig in den Nacken und trägt sie mit dem Maul fort. Im Alter von ungefähr drei Monaten fangen die Leopardenkinder an ihre Mutter hin und wieder zu begleiten.

Im Spiel raufen die Geschwister miteinander, jagen sich und probieren sich aus. Spätestens, wenn mit sieben bis acht Monaten die bleibenden Eckzähne da sind, üben sich die Jungtiere darin kleine Beutetiere zu töten. Die Jungensterblichkeit ist bei Leoparden sehr hoch und beträgt durchschnittlich 41 Prozent. Bei den Amur-Leoparden gab es den ungewöhnlichen Fall, dass sich ein Vatertier bei der Jungenaufzucht beteiligt hat, obwohl solch eine Unterstützung bei Leoparden sonst nicht bekannt ist. Nach 12 bis 18 Monaten sind die jungen Leoparden mehr oder weniger selbstständig. Sie verlassen ihre Mutter im Alter von rund zwei Jahren. Junge Weibchen lassen sich gerne in der Nähe ihrer Mütter nieder, während junge Männchen weiter weg ziehen. Frühestens 15 Monate nach dem vorherigen Wurf werden die Weibchen wieder trächtig, manchmal aber auch erst nach über zwei Jahren.

Geografische Verbreitung

Von allen Leoparden haben Amur-Leoparden das nördlichste und das aktuell kleinste Verbreitungsgebiet. Heute kommen sie nur noch im äußersten Südwesten der russischen Provinz Primorje und in der gegenüberliegenden chinesischen Grenzregion vor.

Ihr historisches Verbreitungsgebiet erstreckte sich einst in Nordostasien von Nordostchina und den Regionen Chabarowsk und Primorje in Russland bis über die gesamte koreanische Halbinsel und umfasste etwa 362.000 Quadratkilometer. Dabei war der russische Teil der kleinste, der südkoreanische Teil rund doppelt so groß, der nordkoreanische etwa dreimal so groß und der chinesische knapp viermal so groß. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts begann das Verbreitungsgebiet durch menschliche Aktivitäten signifikant zu schrumpfen und zu verinseln. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts waren nur noch 72.000 Quadratkilometer übrig. In den 1970er Jahren gab es in Russland im südlichen Teil des Sichote-Alin-Gebirges und im westlichen und südwestlichen Primorje noch drei vollkommen voneinander isolierte Teilpopulationen. Seit den 1980er Jahren sind Amur-Leoparden in Russland jedoch nur noch im südwestlichsten Zipfel der Region Primorje zu finden. Das heutige Verbreitungsgebiet in Russland ist im Norden und Nordosten vom Fluss Rasdolnaja begrenzt, im Südosten und Süden vom Japanischen Meer und im Westen von der Grenze zu China. In China gibt es seit Ende des 20. Jahrhunderts nur noch einzelne Amur-Leoparden in den Provinzen Jilin und Heilongjiang im Südosten des Landes. Auf der koreanischen Halbinsel wurde im Jahr 1969 zum letzten Mal ein Amur-Leopard gesehen. In Nordkorea stehen aktuelle Untersuchungen zum derzeitigen Status der Amur-Leoparden noch aus. Möglicherweise streifen dort immer mal einzelne Individuen umher, die von Russland oder China über die Grenze kommen.

Insgesamt umfasst das Verbreitungsgebiet der Amur-Leoparden heute nur noch rund 10.000 Quadratkilometer. Etwa ein Viertel davon steht unter Schutz. Damit haben Amur-Leoparden bereits ca. 97 bis 98 Prozent ihres historischen Verbreitungsgebietes verloren.

Lebensraum

Amur-Leoparden sind in den Berg- und Mischwäldern der gemäßigten Zone Nordostasiens beheimatet. In dieser Region sind die Winter kalt und schneereich. Dabei können Amur-Leoparden mit einer durchschnittlichen Schneedecke von unter 15 Zentimetern gut zurecht kommen. Amur-Leoparden bevorzugen artenreiche submontane Mischwälder aus Nadel- und Laubhölzern wie Mandschurische Tanne, Korea-Kiefer und Mongolische Eiche. In Laub- und Eichenwäldern halten sie sich hingegen seltener auf. Früher kamen sie außerdem in den Küstenregionen ihres historischen Verbreitungsgebietes vor. Normalerweise meiden Amur-Leoparden die Nähe zu Menschen. Dabei stellen Besuche bei Hirschzuchten, wo sie besonders leichte Beute finden, eine Ausnahme dar.

Ernährungsweise

Amur-Leoparden ernähren sich ebenso wie alle Leoparden ausschließlich von Fleisch. Leoparden gelten als einer der besten Schleichjäger unter den Katzen. Sie gehören zu den Top-Prädatoren in ihrem Lebensraum, stehen also an der Spitze der Nahrungskette und sind somit ein besonders wichtiger Teil des natürlichen Nahrungsnetzes.

Amur-Leoparden jagen normalerweise nachts. Beim Umherstreifen orten sie potentielle Beutetiere über das Gehör und die Sicht. Im Winter folgen sie den Wildwechseln der Huftiere. Sobald sich eine Gelegenheit zur Jagd bietet, legen sie sich auf die Lauer. Leoparden beherrschen die Kunst des Anschleichens auf höchstem Niveau. Beim Anpirschen kriechen sie mit geducktem Körper dicht über dem Boden und nutzen sämtliche Verstecke. Zum Angriff schießen sie dann explosiv aus dem Hinterhalt hervor, stürzen sich auf die Beute, reißen sie nieder und töten größere Beutetiere mit einem Kehl-, kleinere mit einem Nackenbiss. Amur-Leoparden erreichen Sprintgeschwindigkeiten von 50 bis 60 Stundenkilometern. Wenn Leoparden ein Beutetier nicht nach wenigen Metern überwältigen können, nehmen sie selten die Verfolgung auf. Neben der Schleichjagd, praktizieren sie auch die Lauerjagd, bei der sie in einem Versteck zum Beispiel nahe eines Wildwechsels geduldig warten, bis ein Beutetier in die Nähe kommt.

Amur-Leoparden haben ein breites Beutespektrum und fressen sämtliche Wirbeltiere, die sie in ihrem Lebensraum finden können. Sibirische Rehe, die vor allem im Winter eine für die Amur-Leoparden überlebenswichtige Rolle spielen, machen mehr als die Hälfte der Nahrung der Amur-Leoparden aus. Außerdem jagen sie Sikahirsche, Wildschweine, Sibirische Moschustiere, Marderhunde, Dachse, Hasen, Fasanen und verschiedene Nagetiere. Gelegentlich lassen sie sich auch Süßwasserkrabben schmecken. Ausgewachsene Rothirsche sind die größten Beutetiere, die sie manchmal überwältigen können. Eingegatterte Sikahirsche, die im Verbreitungsgebiet der Amur-Leoparden gezüchtet werden, sind besonders leichte Beute. Die Zuchthirschjagd bezahlen die Leoparden dann häufig mit ihrem eigenen Leben. In der Nähe von Siedlungen stehen zudem auch Haus- und andere Nutztiere wie Hunde, Katzen, Schafe, Ziegen, Rindskälber und Schweine auf dem Speiseplan der Leoparden.

Eine weitere Nahrungsquelle ist Aas. Leoparden fressen über mehrere Tage von ihren eigenen Rissen und scheuen auch nicht davor zurück anderen Raubtieren die Beute zu klauen. Dabei können Amur-Leoparden sogar gefrorenes und halb verwestes Fleisch zu sich nehmen. Sie verwerten ihre Beute wesentlich besser als es zum Beispiel Tiger tun und kehren manchmal viele Male zu ihrem Riss zurück, auch wenn sie dafür weite Strecken zurücklegen müssen. Im Gegenzug kann es einem Amur-Leoparden auch passieren, dass er seine Beute an andere Raubtiere wie Braunbären, Kragenbären oder Amur-Tiger verliert oder sich Mitesser wie Elstern, Raben oder Füchse für eine Mahlzeit interessieren.

Wenn möglich, jagen Leoparden nur alle paar Tage ein größeres Beutetier und fressen dann mehrere Tage lang davon. Ihr durchschnittlicher Fleischbedarf beträgt 2,9 bis 4,7 Kilogramm pro Tag. Im Allgemeinen ist der Kalorienbedarf von säugenden Müttern am größten, gefolgt von dem der Männchen und ist bei Weibchen ohne Jungtiere am geringsten.

Bestandsgröße und Gefährdungsstatus

Amur-Leoparden gehören zu den seltensten Katzen und sogar zu den seltensten Säugetieren der Welt. Sie haben mit derzeit über 100 Tieren die kleinste Population aller Leoparden.

In China waren die Leopardenbestände bis zu den 1960er Jahren um 70 Prozent eingebrochen. In den 1990er Jahren hatten Zählungen des Gesamtbestandes ergeben, dass es in der Region Primorje in Russland etwa 30 bis 40, in der chinesischen Provinz Heilongjiang schätzungsweise 3 bis 5 und in der Provinz Jilin an der Grenze zu Russland ca. 4 bis 7 Amur-Leoparden gab. Im Jahr 2007 wurden insgesamt 35 Amur-Leoparden gezählt. Zum Schutz der letzten Amur-Leoparden richtete die russische Regierung im Jahr 2012 in der Provinz Primorje den Leopardovy Nationalpark von der Größe des Saarlandes ein, der heute Heimat für den Großteil des Gesamtbestandes der Amur-Leoparden ist. Bei der vorletzten umfassenden Zählung im Jahr 2015 wurden insgesamt 70 Leoparden gefunden. Bis zum Jahr 2018 konnte sich der Bestand nochmal deutlich vergrößern und zählt aktuell über 100 Amur-Leoparden. Dabei wurden im Leopardovy Nationalpark allein 103 Individuen gezählt.

In der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN ist die Unterart der Amur-Leoparden als vom Aussterben bedroht gelistet. Im Washingtoner Artenschutzübereinkommen CITES sind Leoparden im Anhang I gelistet. Jeder internationale kommerzielle Handel ist somit verboten. Zudem ist die Unterart nach nationalem Recht der Verbreitungsländer streng geschützt.

Bedrohungsfaktoren

Amur-Leoparden sind heutzutage durch Lebensraumverlust, Rückgang der Beutetiere, Mensch-Wildtier-Konflikte, Wilderei und illegalen Handel sowie den Verlust ihrer genetischen Diversität gefährdet.

Der Erhalt von Naturräumen konkurriert in weiten Teilen der Erde mit dem steigenden und vielerorts unverhältnismäßigen Ressourcenverbrauch der Menschen. In den 1970er bis 1990er Jahren ist knapp die Hälfe des Lebensraumes der Amur-Leoparden verloren gegangen. Gründe dafür waren vor allem unkontrollierter Holzeinschlag, Waldbrände und die Umwandlung von Amur-Leopardenlebensraum in landwirtschaftlich genutzte Flächen sowie Bergbau. Holzeinschlag und Bergbau führen nicht nur zur Degradierung, Zerschneidung und zum Verlust von Lebensraum sondern gehen außerdem mit vielen Störungen einher, die die Amur-Leoparden aus ihren angestammten Gebieten vertreiben. Waldbrände werden durch menschliche Unachtsamkeit ausgelöst. In Russland sind bereits ein Drittel der Leopardenwälder durch Waldbrände geschädigt worden. Die Feuer zerstören die Futterbäume der Beutetiere wie insbesondere Korea-Kiefern und Mongolische Eichen. Viele Beutetiere der Leoparden finden dann nicht mehr genug Nahrung. In der Folge nehmen die Beutetierbestände im Lebensraum der Amur-Leoparden ab und die Fleischfresser finden auch nicht mehr genug Nahrung. Große Teile der Mischwaldregionen sind durch die regelmäßigen Waldbrände bereits zu Buschländern geworden. Zudem behindert die Infrastruktur der Menschen wie beispielsweise Autobahnen das Wanderverhalten der Amur-Leoparden, die Ausbreitung, den genetischen Austausch und die Suche nach Geschlechtspartnern. Derzeit gibt es keinen Wildtierkorridor, der die verinselten Verbreitungsgebiete der Amur-Leoparden verbindet, so dass sie sich nicht sicher und barrierefrei fortbewegen können.

In vielen Regionen des historischen Verbreitungsgebietes der Amur-Leoparden gibt es nicht mehr genug Beutetiere für die Leoparden, so dass sie dort nicht mehr weiter vorkommen konnten. Ursachen dafür sind Waldbrände (siehe oben) sowie Übernutzung der Wildtiere und unkontrollierte Nutzung des Waldes. Das Buschfleisch der Huftiere ist für die lokale Bevölkerung eine wichtige Nahrungs- oder lukrative Einkommensquelle. Seit Anfang der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die Kapazität für die Dichte der allermeisten Beutetierbestände im Verbreitungsgebiet der Amur-Leoparden bei weitem nicht ausgefüllt. In einigen Lebensräumen, aus denen Amur-Leoparden wegen Beutetiermangel verschwunden sind, besteht theoretisch die Chance der Wiederbesiedlung, nachdem sich die dortigen Beutetierbestände erholt haben.

Im Verbreitungsgebiet der Amur-Leoparden gibt es mehrere Hirschzuchten, die zu sogenannten Mensch-Wildtier-Konflikten führen. Zum Schutz des Viehs oder zur Vergeltung werden Amur-Leoparden immer wieder von den Nutztierhaltern getötet. Durch Beutemangel in der Wildnis werden die Mensch-Wildtier-Konflikte noch verstärkt.

Eine weitere Bedrohung für Amur-Leoparden ist die Wilderei. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Wilderer nicht gezielt auf Leopardenjagd gehen. Vor allem junge Amur-Leoparden gehen beispielsweise regelmäßig in Fallen, die eigentlich für andere Pelztiere aufgestellt werden. Außerdem können manche Jäger anscheinend nicht wiederstehen, wenn ihre Hunde bei der Huftierjagd einen Amur-Leoparden auf die Bäume treiben. Im Jahr 1999 wurden Fälle aufgedeckt, bei denen zwei Amur-Leopardenfelle für einmal 500 US-Dollar und einmal 1.000 Dollar an Anwohner aus dem Umfeld des Verbreitungsgebietes der Amur-Leoparden verkauft worden waren.

All diese Bedrohungen sind für Amur-Leoparden besonders gefährlich, da ihr Gesamtbestand so extrem klein ist. Fast jedes einzelne Individuum ist bekannt und kann jederzeit anhand seines individuellen Fellmusters identifiziert werden. Je kleiner ein Bestand ist, desto größer ist die Rolle des Zufalls und desto verheerender können die Auswirkungen von Zufallsereignissen wie Krankheiten sein. In den letzten Jahren sind zum Beispiel in zwei aufeinanderfolgenden Jahren nur männliche Jungtiere geboren worden. Außerdem drohen extrem kleinen Populationen Inzuchteffekte wie u.a. der Verlust ihrer genetischen Vielfalt und die Abnahme der Fruchtbarkeit. Bei Amur-Leoparden gibt es regelmäßig Paarungen zwischen nahen Verwandten. Im Vergleich mit den anderen Leopardenunterarten wurde bei Amur-Leoparden bereits die geringste genetische Vielfalt festgestellt. Sie ist bei ihnen etwa so verarmt wie bei Asiatischen Löwen und Florida-Panthern.

 

Der Amur-Leopardenschutz ist seit Jahrzehnten ein großes Thema für den WWF. Amur-Leoparden gehören ebenso wie Tiger, Eisbären, Nashörner, Elefanten, Menschenaffen, Große Pandas und weitere Arten zu den Flaggschiffarten des World Wide Fund for Nature. Der WWF ist weltweit in zahlreichen Projekten zum Schutz und zur Erforschung bedrohter Arten aktiv und hat bereits viel erreicht. Weitere Informationen über die Projektarbeit finden sich unter: www.wwf.de/themen-projekte/bedrohte-tier-und-pflanzenarten/

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